Im Saimaa, wo wir ein zweites Zuhause fanden

Text und Fotos: Karl Nitschke

Unsere Hütte am Espenrückensee

Unsere Hütte Annikki am Ufer des Haapaselkä mitten im Saimaa-Seengebiet
Unsere Hütte Annikki am Ufer des Haapaselkä mitten im Saimaa-Seengebiet

Annikki hieß sie, die Hütte, in der 1980 unsere Liebe zu Finnland begann. Einfach war sie, und wie andere als roter oder brauner Klecks in den lichten Kiefernwald gestreut, der nach oben hin viel Platz für den Himmel ließ! Ofen und Kühlschrank wurden mit Gas betrieben. Für Bier und andere Getränke gab es draußen noch ein Erdloch mit einem Deckel drauf. Das Wasser holten wir von einer Pumpe im Wald. Und auf dem Weg dorthin konnte man gleich das Heidel- oder Preiselbeerdessert pflücken!

Hinunter zum See, der auf Deutsch „Espenrückensee“ heißt, sind es nur 20 Schritte gewesen. Dort war auch das Ruderboot und der Bootssteg, auf dem wir nach dem Schwimmen zum Trocknen in der Sonne lagen. Bei schönem Wetter ist das der Platz für die Morgentoilette und das Schwimmen vor dem Frühstück gewesen! Von hier sind wir auch hinaus gefahren, einer der kleinen Inseln entgegen, auf denen man immer ganz alleine war. Ein herrlicher Platz! Der Zufall hatte uns ins Saimaa Seengebiet und, wie sich später bei vielen Finnlandaufenthalten zeigte, in eine der schönsten Gegenden des Landes geführt!

Abendstimmung am Haapaselkä
Abendstimmung am Haapaselkä
Am Haapaselkä - Espenrücken
Am Haapaselkä – Espenrücken

Als wir 1980  zum 1. Mal an die gegenüber liegende Halbinsel zum Baden ruderten, hat sich uns der Saimaa in seiner ganzen Schönheit gezeigt. Noch nie hatten wir vorher eine solche Stille erlebt. Nur das leise Plätschern des Wassers an den Ufersteinen und hin und wieder der Schrei eines Vogels waren zu hören. Und als in der Ferne mal ein Schiffsdiesel tuckerte, hat das diese  Stille eher betont als gestört. In den See konnte man bequem über einen kleinen Sandstrand gehen. Schöner jedoch war es, auf einer natürlichen Steintreppe hinunter in das klare blaugrüne Wasser zu steigen. Und all das hat uns ganz alleine gehört! Es war ein Tag, der zu einem Schlüsselerlebnis für künftige Finnlandreisen wurde!

Der "Grilli" - unser Sonnenfelsen
Der „Grilli“ – unser Sonnenfelsen

Zu einer der kleinen Inseln bin ich oft kilometerweit  ganz alleine gerudert und habe dort stundenlang mit Fernglas und Kamera gesessen. Dort, wo sich seit der letzten Eiszeit nie die Hand eines Menschen rührte. Die Weite der Landschaft und der Sommerhimmel, der Wasserporst und andere Wildblumen, vor allem aber auch die Flechten auf den Steinen sind reizvolle Fotomotive gewesen. Einmal kam auch eine Tauchermutter mit 15 Kindern vorbei, was mir Finnen nicht glauben wollten! In diesen Stunden war der Alltag ganz weit weg!

Der Haapaselkä im Saimaa kann manchmal auch ungemütlich sein
Der Haapaselkä im Saimaa-Seengebiet kann manchmal auch recht stürmisch und ungemütlich sein

Aber man musste auch aufpassen und rechtzeitig den Heimweg antreten: Denn der Saimaa kann ungemütlich werden! Schon der Mittagswind  hat mich einmal in das Schilf am Ufer gedrückt, aus dem ich nur mit Mühe wieder heraus gekommen bin. Ein anderes Mal habe ich mich nicht um „Kap Horn“  herum getraut. So haben wir einen bestimmten Felsvorsprung genannt, an dem die Wellen stets höher als anderswo waren. 2 Stunden lang habe ich dann am Ufer auf die Beruhigung des Wassers gewartet!

Und wenn unser See so richtig in Aufruhr geriet, hat er uns nachts auch mal das Boot versenkt und den Bootssteg weg gerissen. Dann gab es Arbeit am nächsten Morgen. Aber wir haben ihm das nicht übel genommen, denn er hat uns das Schwimmen, das Angeln, die Ausflüge mit dem Boot und die Abkühlung nach der Sauna geschenkt.

Und an manchen Tagen ist es auch ein traumhafter Sonnenaufgang gewesen. So ist er im Laufe der Jahre zu „unserem See“ geworden!

 

Unser Moor

Um hinzukommen, musste  man an einem Bach entlang laufen und danach in einem Birkenwald einen ehemaligen Karrenweg erahnen, der sich schließlich im sumpfigen Umfeld eines Teiches verlor. Mit ihm als Mittelpunkt ist auf einer Fläche von etwa 2 qkm ein ganz eigenes Biotop entstanden. „Als Lappland nach Norden wanderte“ ist hier wohl ein Stückchen davon zurück geblieben. Früher wurde um den Teich herum Torf gestochen.. Heute erinnern mit dunklem Wasser gefüllte Löcher daran. Ein alter Trocknungsschuppen, der noch immer zwischen kränklich aussehenden Kiefern steht, ist längst vergessen. Sein Holz vermodert und der Weg dorthin ist zugewachsen. Das Grundwasser steht in manchen Jahren so hoch, dass es bei jedem Schritt glucksend an die Oberfläche steigt!

Der alte Holzschuppen hat seine besten Tage bereits hinter sich

Ein Untergrund, auf dem nicht nur Sumpfheidelbeeren sondern auch Lakka- und Moosbeeren gedeihen! Einen Walkingstock kann man hier mit wenig Druck bis zum Knauf in den Boden stecken.

Ohne Gummistiefel sollte man aber nicht in das Moor gehen, denn auch die Kreuzottern fühlen sich dort wohl!

Mich  hat es immer wieder dorthin gezogen. Und viele Jahre lang sah ich,  da, wo das offene Wasser beginnt,  die dunklen Überreste eines Bootes liegen. Jahr für Jahr ist das Häufchen etwas kleiner geworden. Bis es  ganz verschwunden war.

Einen Menschen habe ich hier nie getroffen, aber immer wieder etwas Neues entdeckt: Eine neue Orchideenart, einen vollständig von Flechten überzogenen Baum, eine unbekannte Pflanzenart und anderes mehr. Heute an einem Septembertag habe ich erstmals reifende Moosbeeren gesehen, die wie mattrote Korallen den feuchten Boden bedeckten. Und die Birken haben einen gelben Schimmer bekommen. Gelbe, braune und rote Töne beginnen über das Grün zu dominieren.

Bevor ich zurückgehe schaue ich noch einmal dorthin, wo früher die  Überreste des Bootes lagen.  Auch in unserem Moor vergeht die Zeit, wenngleich sie hier sonst stillzustehen scheint.